anschließenden Vergeltungsschlag durch den israeli- schen Staat eine besonders wichtige Rolle zu. „Als die Schule wieder aufmachen durfte, haben sie ganz viel Zeit investiert in den sozialen Zusammenhalt in den Klassen“, erzählt Ulla. „Dabei ging es vor allem um die Erfahrung auf den verschiedenen Seiten. Die Kinder konnten einfach erzählen, was sie erleben, was sie hö- ren, was sie traurig macht, was sie wütend macht, was ihnen da vielleicht auch hilft.“ Ein Beispiel ist ihr ganz besonders im Gedächtnis ge- blieben: „Da war ein kleiner jüdischer Junge. Er war völlig durcheinander – und da war er sicher nicht der einzige – weil er doch seine Klassenkamerad:innen liebt und unter ihnen sind auch palästinensische Kin- der. Aber sein Vater ist bei der Armee. Er hatte natür- lich total Angst um seinen Vater und gleichzeitig musste er immer an die Kinder in Gaza denken. In der Schule haben sie ganz viel mit Zuwendung, miteinan- der umarmen und sich gegenseitig festhalten, gearbei- tet. Er ist von seinen Klassenkamerad:innen umarmt worden, auch von den palästinensischen. Das fand ich total bewegend.“ Aufgeben ist keine Option Beeindruckend sei auch, fährt Ulla fort, wie die Eltern und Lehrkräfte es schaffen, die Kinder in dieser Situa- tion zu unterstützen. Ich frage sie, woher die Erwach- senen diese Kraft nehmen, wie sie mit den Ereignissen zurechtkommen. „Das kennst du vielleicht auch, wenn etwas wirklich Schreckliches passiert, dann ist man erst einmal inner- lich wie erstarrt“, antwortet sie mir. „Die Dorfgemein- schaft hat gemerkt: Wir müssen unbedingt miteinan- der reden.“ Also gab es Treffen. Zunächst nur innerhalb der Gruppen, das heißt palästinensische und jüdische Menschen jeweils unter sich, damit alle Gefühle und Gedanken Raum finden durften, ohne Rücksicht zu nehmen, ohne die Angst, andere Menschen damit zu verletzen. „Es musste erst einmal alles gesagt werden können, damit der Druck weg ist“, beschreibt Ulla. Kursleiter:innen der School for Peace von außerhalb des Dorfes moderierten die Runden. Erst danach gab es gemeinsame Treffen. Inzwischen treffen sich alle, die sich dazu im Stande fühlen, einmal im Monat, um verschiedene Themen zu besprechen, die an die Ober- fläche kommen. „Es gibt eine ganze Menge Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt“, meint Ulla, „aber alle sind noch da, alle arbeiten weiter. Auch wenn es an den Kräften zehrt, sind sie davon überzeugt, dass es richtig ist, weiterzumachen.“ „Wir sind uns so sicher, dass das, was wir machen richtig ist, dass aufgeben keine Option ist.“ Außerdem organisierte die Gemeinschaft zweimal ein Trauerzelt, einen Ort, an dem auch palästinensische Dorfbewohner an Verwandte und Freunde erinnern konnten, die sie seit Beginn des Krieges verloren ha- ben. Fast alle Menschen im Dorf haben jemanden ver- loren – Familienangehörige, aber auch gemeinsame Freunde und Freundinnen. Umso wichtiger ist es, dass es einen Raum gibt, in dem diese Trauer da sein darf. Seit dem 07. Oktober dürfen Palästinenser:- innen in Israel nicht öffentlich um ihre Toten im Gazastreifen trauern, die Regierung droht ih- nen mit Verhaftungen. Als Neriya Mark, die als Angehörige der zweiten Generation in Wahat al-Salam/Neve Shalom aufgewachsen ist, klar wurde, dass palästinensische Nachbar:innen sich selbst im Dorf noch nicht getraut hatten, offen über ihre Trauer zu sprechen, und sie deswegen gar nichts darüber wusste, lud sie mehrfach zu einem offiziellen „Trauerzelt“- Gedenken im Dorf ein. Ein Weckruf für den Frieden Auch Samah hat Verwandte in Gaza im Krieg verloren, eine offizielle Trauerzeremonie konnte sie nicht abhal- ten. Doch für die Menschen, die schon lange in Wahat al-Salam/Neve Shalom leben, ist es nicht der erste Konflikt, den sie erleben, ruft Samah mir in Erinne- rung: „Die Gründer:innen haben die erste und zweite Intifada erlebt, den ersten und zweiten Libanon-Krieg. Und sie sind hier geblieben, sie haben das gemeinsam durchgestanden.“ Auch die anderen Menschen, die, wie sie, schon lange im Dorf wohnten, hätten ein Grundvertrauen, das trotz allem weiter bestehe. „Wenn du 40 Jahre neben deinen jüdischen Nachbar:innen wohnst, weißt du, dass sie Good News Magazin 9 S a W - h S N : r e d l i B