Zu dem steigenden Übergewicht kommt die Diagnose Lipödem , eine chronische Fettverteilungsstörung, die überwiegend bei Frauen auftritt. In Janas Beinen, Hüf- ten und Armen sammelt sich zusätzliches Fettgewebe an. Sie hat Schmerzen und neigt zu Blutergüssen. Im Jahr 2020 folgt der nächste Schock: Jana wird mit Mul- tipler Sklerose diagnostiziert. Diese ebenfalls chroni- sche, entzündliche Erkrankung des zentralen Nerven- systems stört die Übertragung von Nervenimpulsen. Bei Jana kommt es immer wieder zu Symptomen wie Muskelschwäche und Taubheitsgefühlen, aber auch Sehstörungen oder Gedächtnisprobleme treten auf. Trotz dieser, wie sie selbst sagt, „Wundertüte“ an Sym- ptomen, die ihr das Verhältnis zu ihrem eigenen Kör- per erschweren, lässt sich Jana nicht unterkriegen. Heute ist sie stolz auf all das, was ihr Körper trotz des- sen leistet. Denn nichts davon ist für sie selbstver- ständlich. Und sie hat gelernt, auf ihren Körper zu hö- ren: Wann immer sie eine Auszeit braucht, zögert sie nicht mehr, diese auch einzufordern. „Man darf nicht nur für sich einstehen, man sollte es auch“. „Ich konnte nicht kontrollieren, ob mein Mathelehrer mich bloßstellt, ich konnte nicht entscheiden, ob ich auf den Geburtstag eingeladen werde. Aber ich konnte entschei- den, ob ich esse oder nicht.“ Janas verzweifelter Kampf um Kontrolle Selbstermächtigung und Selbstfürsorge sind auch zen- trale Themen in ihren vier Büchern „Jana, 39, unge- küsst“, „Das Mädchen aus der 1. Reihe“, „Unvergleich- lich du! Wie du deine beste Freundin wirst“ und „Un- vergleichlich du! Wie du deine beste Freundin bleibst“. Jana teilt darin unter anderem Erlebnisse, die sie rück- blickend aufarbeiten und für ihre Reise hin zur Selbst- liebe nutzen konnte. Wie das erste Mal, dass sie mit ihrem Körpergewicht konfrontiert wurde: Jana war neun Jahre alt. Auf einem Kindergeburtstag kam der Kuchen, als eine Mutter ihrer Tochter von einem zweiten Stück abriet und da- bei auf Jana zeigte. Dieser Moment habe siefür ihr restliches Leben geprägt, sagt Jana. Denn von da an stürzte sie sich, immer auf der Suche nach Anerken- nung für ihr Äußeres, von einer Diät in die nächste. Je mehr sie abnahm, dachte sie, desto glücklicher würde sie werden. Entgegen ihrer Erwartung jedoch war der Moment, in dem sie am wenigsten wog, gleichzeitig der unglücklichste. „Mir wurde klar, die Zahl auf der Waage verändert gar nichts. Ich war immer noch der einsamste Mensch der Welt“. Doch positive Kommentare über ihren Körper waren nicht das einzige, wonach sie suchte. „Meine Eltern waren anti-autoritär, ich durfte eigentlich alles“. Das Kind in Jana sehnte sich nach klaren Regeln. Auch der Schule und dem sozialen Umfeld in ihrer Heimatstadt Herne fühlte sie sich machtlos ausgesetzt. „Ich konnte nicht kontrollieren, ob mein Mathelehrer mich bloß- stellt, ich konnte nicht entscheiden, ob ich auf den Ge- burtstag eingeladen werde. Aber ich konnte entschei- den, ob ich esse oder nicht.“ Und so eskalierte der starke Wunsch, Einfluss auf ihr Leben zu nehmen, in eine Binge-Eating-Störung. Ein jahrelanger Teufels- kreis von Gewichtszunahme, ungesunder Diät, star- kem Gewichtsverlust und Jojo-Effekt mit noch stärke- rer Gewichtszunahme gipfelte schließlich in einem Körpergewicht über 180 Kilogramm. Eine lebensrettende Freundschaft Es näherte sich der Punkt, an dem ihre Erkrankung ihren Beruf gefährdete. Jana, die ihr Studium der Er- ziehungswissenschaften und Psychologie an der TU Dortmund abgebrochen hatte, um ab 2006 die Deutschpop-Band Luxuslärm zu managen, führte auf Tour ein Doppelleben. Durch das Zusammenleben auf engem Raum mit gemeinsamen Mahlzeiten, konnte sie ihren Essbedürfnissen nur nachgehen, wenn sie alleine war. In Gesellschaft aß sie oft nur geringe Mengen, aus Angst vor verurteilenden Reaktionen. Besorgte Nachfragen blockte sie ab, Hilfsangebote schlug sie aus, denn sie folgte dem starken Glaubens- grundsatz: „Selbst reingekommen, selbst rauskommen“. Nicht nur, dass Jana sich so niemandem gegenüber öff- nete, durch den emotionalen Stress, den die Essstö- rung in ihr verursachte, vernachlässigte sie sogar im- mer mehr ihre sozialen Beziehungen. Besonders die Freundschaft mit Batomae, der damals Bassist der Band war, litt darunter. So sehr, dass sie sich selbst als „schlechteste beste Freundin“ betitelte. Für Jana war ein Tiefpunkt erreicht, als Batomae die Wurzel der Probleme bei sich suchte. Ihre Schuldge- fühle brachten sie schließlich dazu, den ersten und da- mit wichtigsten Schritt auf dem Weg zur Besserung zu gehen: Sie entschuldigte sich bei ihm und vertraute Good News Magazin 5