Leid erfahren als die meisten Menschen, denen er in sei- ner neuen Heimat begegne. Aufgewachsen ist der Soma- lier im Süden des Landes, das seit Jahrzehnten von Bür- gerkriegen gebeutelt ist. 2009 floh er übers Wasser nach Kenia. In seiner Heimat war Yusuf das jüngste von 15 Kindern und war bitter arm. Der damals 26-Jährige ge- riet ins Visier der islamistischen Rebellenorganisation Al-Shabaab, die ihn rekrutieren wollte. Yusuf weigerte sich, was auch seine Familie in Gefahr brachte. Flucht war die einzige Option, auch wenn der junge Mann sein Land nie verlassen wollte. „Mein Bruder hat mir einen gefälschten Pass besorgt und zu mir gesagt: ,Du hast we- nigstens eine Zukunft.‘“ Drei Brüder und eine Schwester konnten auch fliehen, sie leben heute in Kenia und Ka- nada. Alle anderen Geschwister sind tot. Auf den Grachten ist nicht viel los, nur das eine oder andere Rundfahrtboot. Aber immerhin nieselt es nicht mehr. Wir passieren die Anne Frankstraat im ehemals jüdischen Viertel. „Amsterdam hat in den 40ern viele deutsche Juden aufgenommen“, erklärt Yusuf und zeigt nach links auf den Wertheimpark, „den ältesten Amsterdams“, und auf das Auschwitz-Mahnmal, zer- brochene Spiegel, die an die Opfer des KZ Auschwitz erinnern. Dann weist er uns auf die hebräischen Zei- chen an einer Brücke hin, „das bedeutet Mokum Aleph, ,beste aller Städte‘, wie jüdische Geflüchtete Amster- dam genannt haben.“ Für die jüdische Bevölkerung, die hier seit dem 16. Jh. Zuflucht fand, bis sie im Zweiten Weltkrieg fast völlig ausgelöscht wurde, war es das ,Je- rusalem des Westens‘. Ob wir noch mehr von seiner Geschichte wissen möchten, fragt Yusuf. Ja, natürlich. Wir sind unsicher, was wir fragen können, ob es Yusuf verletzt oder trau- rig macht. „Ich bin Aktivist“, berichtet er, „bei ,We are Here‘. Ich will, dass wir sichtbar sind!“ Das Kollektiv kämpft für die Rechte Geflüchteter und möchte zu einer fortschrittlicheren Kultur in der Stadt beitragen. Amsterdam sei zwar eine großartige Stadt, die Men- schen unterschiedlichster Herkunft aufnähme, meint Yusuf, aber die Asylpolitik mache es Leuten ohne Papiere schwer, die richtigen Dokumente zu erhalten, um hier leben und arbeiten zu können. „Wir sind der Nähe des Bootsanlegers, das bis 2015 militärisches Sperrgebiet war: „Hier werden Geflüchtete versteckt.“ Yusuf selbst hat nach seiner Ankunft in Amsterdam erst einmal im Vondelpark im Süden der Stadt geschlafen. „Ich hatte kein Geld und keine Ahnung, wohin. Und konnte noch nicht mal Englisch.“ Er schlug sich durch, so gut es ging, bis er eine Arbeit fand. Später hat er sie- ben Jahre in einem besetzten Haus gewohnt – immer illegal. Eine Aufenthaltsgenehmigung bekam der 41-Jährige erst 2022 – für immerhin fünf Jahre. Yusuf lacht: „Hier geht alles nur Schrittchen für Schrittchen.“ Wir gleiten am Schifffahrtshaus entlang, vor dem die ,Amsterdam‘ ankert, ein Handelsschiff der Ostindi- schen Kompanie (VOC). Beide stumme Zeugen der blü- henden Handelsnation im sogenannten Goldenen Jahrhundert der Niederlande (17. Jh.), die mit brutalem Sklavenhandel enorm viel Geld machte. Gegenüber ragt in bester Lage das Wissenschaftsmuseum NEMO aus dem Wasser. Davor liegen Hausboote vertäut: „Ein Deal zwischen Stadt und Museum“, erzählt Yusuf. „Hier wird viel gekungelt“, weiß er, „niets moet, alles mag!“ Nichts muss, alles ist möglich! Er grinst, der Spruch kommt ihm flott über die Lippen. Yusuf lacht viel, dabei hat er in seinem Leben mehr 48 Good News Magazin