Die Macht der (Zwischen)Menschlichkeit Das wurde für Ira und Luis an einem besonders prägenden Moment deutlich – dem Moment, als sie Markus kennenlernten. Markus, der sie schüchtern nach einer Zigarette fragte, als sie durch die Straßen gingen und wohnungslose Menschen fragten, ob sie daran interessiert seien, gegen eine Aufwandsentschä- digung an einem Kunstprojekt teilzunehmen. Markus, den sie gar nicht als wohnungslos eingeschätzt hatten. Und der Tränen in den Augen hat, als Luis ihm statt einer Zigarette eine ganze Schachtel schenkt, vor Dankbarkeit über diese Geste und die freundliche Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird. Markus wird zum Hauptprotagonist des Projekts, und noch zu viel mehr. Denn in den Tagen, die sie für die Shootings gemeinsam verbringen, entsteht eine Ver- bindung, die bis heute anhält. Seine Verwandlung be- eindruckt Ira und Luis nachhaltig: „Dieses Aufblühen einer Per- son zu verfolgen, dieses Glück und die Freude zu sehen, die entsteht, einfach weil man Menschen zuhört und weil man zusammen den Tag verbringt. Zu sehen, wie diese Zwischen- menschlichkeit, für uns etwas so Kleines, so viel ausmacht, wie das Selbstbewusstsein steigt, das ist einfach bezau- bernd.“ - Ira und Luis Markus ist auch beim zweiten Projekt dabei. Denn als der Berliner Strassenfeger, auf das Projekt aufmerk- sam geworden, an Ira und Luis herantrat, wurde aus einem möglichen Artikel schnell eine größere Idee: ein eigenes Magazin im selben Stil. Die Räume des Strassenfeger-Cafés wurden zur Shooting-Location, teilnehmen konnten alle regelmäßigen Gäste, die Inte- resse hatten. So entstand die zweite Ausgabe der Home.LESS.fashion, diesmal als Weihnachtsedition, die neben den Magazin-Covern Texte zum Thema Wohnungslosigkeit in der Weihnachtszeit und den Geschichten der Cover-Models enthielt. Eine einzelne Geschichte herauszugreifen, die sie be- sonders bewegt hat, ist für Luis und Ira dabei unmög- lich. „Jeder hat seine Geschichte, jeder hat sein Schick- sal und jeder hat seine eigenen besonderen Werte, die er oder sie auch noch in sich hat“, meint Ira. Darum gibt es für die beiden keinen Zweifel, was am Anfang stehen muss, damit wohnungslose Menschen bessere Unterstützung erfahren: Ein zwischenmenschlicher Austausch, in dem wohnungslosen Menschen kein Stempel aufgedrückt wird, in dem sie so sein dürfen, wie sie sind, und in dem ihre Geschichten und Prob- leme gehört werden. „Am Ende muss man einfach zu- hören“, fasst Ira zusammen. „Du wirst bei jedem ein- zelnen Menschen was finden, was ganz besonders ist.“ Das zeigen auch ihre Fotos. Was kann ich tun, um zu helfen? Es muss nicht immer Geld sein, nicht einmal Essen oder warme Kleidung. Was wir alle tun können ist, wohnungslosen Menschen in die Augen zu schauen, sie anzulächeln, auf ihre Bitte zu antworten, und sei es mit einem „Tut mir Leid, nein“, kurz: ihnen Menschlich- keit und Respekt entgegenzubringen. Wer mehr tun will, fragt nach. Nach der Geschichte oder den Bedürfnissen – und akzeptiert auch, wenn angebo- tene Hilfe abgelehnt wird. Letztendlich gilt der Grund- satz, den Oliver Ongaro treffend formuliert: „Wir alle können durch Schicksalsschläge wohnungslos wer- den. Wie würden wir dann gern behandelt werden?“ Was bedeutet eigentlich „wohnungslos“? Wohnungslos ist laut Definition der BAG-Wohnungs- losenhilfe, „wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum (oder Wohneigentum) verfügt“. Dazu zählen 372.000 Menschen, die in Unterkünften freier sozialer oder kommunaler Träger untergebracht sind, ebenso wie Menschen, die in Unterkünften für geflüchtete Menschen leben, und diejenigen, die in Frauenhäusern, Notübernachtun- gen oder Heimen unterkommen. Von sogenannter „verdeckter Wohnungslosigkeit“ sind zudem 49.300 Menschen betroffen, die vorübergehend oder längerfristig bei Verwandten, Freund:innen oder Bekannten unterkommen. Rund 37.400 Menschen lebten dem Wohnungslosenbericht 2022 des Bun- desministeriums für Arbeit und Soziales zufolge ohne jegliche Unterkunft auf der Straße, für diese letzte Gruppe wird auch der Begriff „obdachlose Menschen“ verwendet. Gerade bei den letzten beiden Gruppen ist die Dunkelziffer vermutlich noch deutlich höher. 34 Good News Magazin