denen Sorge und Bindung, Liebe und Sex auf viele Menschen verteilt waren. Kinder wuchsen in Gruppen auf, Fürsorge war geteilte Verantwortung. Wenn wir auf unsere biologische Grundausstattung schauen, sehen wir deshalb weniger das starre Bild der ‚Zweierbeziehung auf Lebenszeit‘ und mehr ein Set an Bedürfnissen, die flexibel gelebt werden kön- nen. Viel grundlegender als die Form ist das, was wir uns wünschen: • Verlässlichkeit Zugehörigkeit • • Spiel • Sex • Kuscheln, Berührung, Ko-Regulation (wir beruhigen einander physiologisch) Die moderne Bindungsforschung hat sich weiterentwi- ckelt und von den ursprünglichen, heteronormativen Annahmen verabschiedet. Sie zeigt: Menschen brau- chen sichere Beziehungen — aber diese können sehr vielfältig aussehen. Eine sichere Bindung kann die Mutter sein, die ihr Kind tröstet. Der Freund, der mitten in der Nacht ans Telefon geht. Die Partnerin, die zuhört, wenn die Welt draußen hart war. Oder auch eine Wahl- familie, die gemeinsam ein Netz spannt, damit niemand durchfällt. Auch hier das Schöne: Die Forschung zeigt, es gibt keine ‚Bindungstypen‘, die in der Persönlichkeit festgeschrieben sind. Es gibt unterschiedliche Bin- dungsstile, die von Beziehung zu Beziehung, von Situa- tion zu Situation unterschiedlich dominant sind. Sichere Beziehungen leben nicht von großen Gesten, sondern von etwas Schlichterem — und doch Ent- scheidenderem: Verlässlichkeit und Ehrlichkeit. Es sind die Menschen, die bleiben, wenn es schwierig wird. Die da sind, wenn wir Trost brauchen, und die sich mit uns freuen, wenn wir etwas Neues entdeckt haben. Sie geben uns das Gefühl, nicht allein durch die Welt gehen zu müssen. Das muss keine ständige Prä- senz im Alltag sein, es geht um Ko-Regulation, die unsere Nervensysteme beruhigt. Denn diese sind be- ziehungsfähig — sichere Nähe, Körperkontakt, beru- higt, stärkt und macht belastbarer. Das Ziel ist nicht „perfekt“, sondern „verlässlich genug“. Bist du verfügbar, bist du ansprechbar, bist du emotional engagiert? 20 Good News Magazin Die Bindungsforscherin Sue Johnson bringt das, was wir uns in Beziehungen eigentlich wünschen, auf drei einfache Fragen: Bist du da, wenn ich dich brauche? • • Nimmst du mich wahr, bist du ansprechbar? • Bist du emotional engagiert, mit dem Herzen bei mir? Wenn wir diese Fragen immer wieder füreinander mit „Ja“ beantworten können — und dabei eine gemein- same Vorstellung davon teilen, wie tief und verbindlich wir diese Nähe leben wollen —, dann entsteht etwas, das trägt. Und das alles kann unabhängig von Labeln gelebt werden. Dafür braucht es keine Hierarchien wie ‚echte‘ und ‚unechte‘ Beziehungen, keine starren Unterscheidungen zwischen ‚Freund:in‘ und ‚Part- ner:in‘. Was es braucht, ist Nähe — und die Bereitschaft, diese Nähe als Kunst zu pflegen. Und es schadet nicht, zusätzlich eine sichere Bindung zu sich selbst zu entwickeln. Sich selbst ein schützender Hafen sein, eine sichere Basis, auf die man zurückfallen kann. Wer mit sich selbst mehr oder weniger im Reinen ist, erwartet weniger Rettung von anderen und kann Be- gegnung freier gestalten. Selbstbindung bedeutet: sich trösten können, sich ermutigen können, sich selbst freundlich zu begegnen, sich selber halten — gerade dann, wenn es schwer ist. Das sind nicht nur kognitive, sondern vor allem emotionale und körperliche Erfah- rungen. Und: Das ist kein Ziel, dass erreicht werden kann, sondern ein Prozess, der gestaltet werden möchte. Hier verbinden sich Liebe und Zuhause unmittelbar. Denn der Körper ist selbst ein Ort der Bindung. Wir tra- gen unser Zuhause in uns — durch Berührung, durch Stimme, durch Gewohnheiten. Ein vertrauter Geruch, eine bestimmte Melodie, eine Umarmung, die sofort be- ruhigt: All das erinnert uns daran, dass Nähe nicht nur ein äußerer Ort ist, sondern auch ein inneres Erleben. Vielleicht ist das die tiefste Einsicht: Dass wir Heimat nicht nur in Räumen und Beziehungen finden, sondern auch in uns selbst — als leibliche Erfahrung von Si- cherheit und Verbundenheit. m o c . s o t o h p t i s o p e d - y i k s t e v o h k r e V r u t r A : d l i B